Dagmar Schwall

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„Der Kalte Krieg war noch gegenwärtig, als ich das erste Mal mit dem Auto über den Transit nach Berlin fuhr. Einmal den Kudamm rauf und runter, die Gedächtniskirche, Punks, der Bahnhof Zoo, „Kreuzberger Nächte waren lang“. Dann ein Tag in Ostberlin. Von 9 bis 18 Uhr. Die gleiche Schlange zur Ausreise am Checkpoint Charlie: D-Mark-Umtausch und einen Tag lang nicht verstehen können, was hier eigentlich passiert war und täglich geschieht. Broiler essen, durch die Gegend laufen, rechtzeitig zurück. Das war’s.

Die Unruhe war auch im Süden Deutschlands seit 1985 kräftig spürbar. Dann im Sommer 1989 die Flucht vieler über Ungarn. Plötzlich schien kein Halten mehr und alles möglich. Am 9.9.1989 kam mein erster Sohn zur Welt – am 9.11.1989 fiel die Mauer.

Diese seltsame Einbuchtung des geteilten Deutschlands, dieser eingefallene Hungerbauch war weg. Endlich! Endlich Hoffnung auf wirklichen Frieden in Europa. Endlich das Ende des Kalten Krieges, das Ende der unsichtbaren, allgegenwärtigen Angst vor der nächsten Apokalypse.

Freiheit! Jetzt auf zur Grenze, die nun gefallen war.

Im Herbst 1990 fuhr ich beruflich nach Saalfeld. Der Todesstreifen hatte noch nichts von seiner Imposanz eingebüßt, es gab noch keine Farbe. Auch das Grün war eher ein Grau. Wie die Häuser der kleinen Dörfer, durch die ich fuhr. Doch in Saalfeld war der frische Wind schon angekommen. Der Grauschleier hob sich und hier und dort schossen neue Geschäfte wie bunte Blumen aus dem Boden.

Ende gut – fast alles gut.
Seither ist die 9 meine Lieblingszahl.“